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Träume sind da, damit Du sie lebst: eine Radfernfahrt durch die Westalpen und Südfrankreich

 

Unter diesem Motto organisierte unser Vorsitzender Matthias seine erste große Radtour in seinem neuen Lebensabschnitt. Sie sollte ihn zusammen mit seinem bayrischen Freund Reiner über mehr als 20 Pässe und wunderschöne Landstriche in Südfrankreich führen. Insgesamt standen nach 19 Tagen 1970 km und 28.300 Höhenmeter zu Buche. Hier ist sein Bericht:

 

Am 3. September war frühes Aufstehen angesagt. Mein mit einem Tubus Airy Gepäckträger, einer FSA Kompaktkurbel, SKS Schutzblechen und 28er Conti-4-Seasons zum berg- und wettertauglichen Reiserad umgerüstetes Cannondale stand am Mindener Bahnhof schön verpackt in meiner Scicon-Tasche neben zwei Ortlieb-Frontrollern, in denen mein gesamtes Gepäck für die nächsten 3 Wochen verstaut war. Es ging per Zug nach Lausanne und weiter per Fähre über den Genfer See nach Thonon les Bains, wo ich mich abends mit meinem langjährigen Freund aus E.ON-Zeiten Reiner und 5 weiteren Rennradlern traf, mit denen ich in den kommenden Tagen über die legendäre Route Grandes Alpes nach Menton an der Cote d'Azur radeln wollte, begleitet durch einen Veranstalter, der unser Gepäck transportierte und die Hotels organisiert hatte.

So ging es am ersten Tag nach einem guten Frühstück bei blauem Himmel, aber leider auch mit leichten Halsschmerzen als mögliche Vorboten einer Erkältung, endlich los und mit dem Col du Corbier, dem Col des Gets und dem Col de Châtillon warteten gleich drei noch recht moderate Anstiege, die uns zum höchsten Punkt des ersten Tages, den Col de la Colombiere auf 1.613 m führten. 95 km und 2100 hm standen am Abend in Le Grand Bornand auf dem Tacho.

Entlang der Aravis- Kette fuhren wir am 2. Tag mit 95 km und 2700 hm über den Col des Aravis und Col des Saisies weiter zu einem abwechslungsreichen und tollen Pass, dem Cormet de Roselend. Hier regnete es leider und es war mit 3°C auf der letzten Abfahrt empfindlich kalt. Zum Glück hatte ich meine neue Goretex Active Shell Jacke mit und es waren inzwischen auch sämtliche Erkältungssymptome wie durch ein Wunder verschwunden. Glück hatte auch Reiner, der wenige Meter hinter dem Pass einen Reifenplatzer hatte: sein Schrauber hatte die Bremsen dermaßen falsch eingestellt, dass er sich die Seitenwand seines Reifens durchgebremst hat. Nur gut, dass das nicht auf der Abfahrt passiert ist.

Weiter ging es durch die Savoyer Alpen zum höchsten „echten“ asphaltierten Alpenpass, dem Col de l'Iseran auf 2.764 m. 86 km und 2200 Höhenmeter galt es heute zu überwinden. Auf der Abfahrt überflogen wir schnell noch den Col de la Madeleine, bevor wir in Termignon unser Ziel erreichten.

Große Namen und Höhen erwarteten uns auf der 4. Etappe über 106 km und 2200 hm mit dem Col du Télégraphe und dem Col du Galibier. Der erste Anstieg des Tages zum Col du Télégraphe stand wortwörtlich im Schatten des Galibier, obwohl er alles andere als zum Einrollen einlädt. Immerhin 11 km lang war die Auffahrt und angesichts des gleich darauf folgenden Anstiegs zum Galibier auf 2.646 m mussten wir uns am Morgen die Kräfte sehr gut einteilen. Die Auffahrt zum Galibier in ein landschaftliches Highlight der gesamten Tour, bizarre Felsformationen, fantastische Ausblicke, aber auch ein paar schweißreibende Rampen, machen diesen Pass unvergesslich. Dafür bekamen wir den Col de Lautaret auf der Abfahrt „geschenkt“.

 

Nach einem Ruhetag in Briancon ging es mit neuer Kraft und frischer Motivation hinauf zum Col d'Izoard, einem aufgrund seiner Felsformationen und Felsnadeln einzigartigen Pass auf unserer Tour. Mit Steigungen von 12% an manchen Passagen ist er aber auch alles andere als gemütlich, zumal ein weiterer 19 km langer Anstieg zum Col de Vars folgte. Insgesamt auch heute wieder 110 km mit 2650 hm.

Angekommen in den Seealpen, rollten wir auf der 6. Etappe zunächst durch eine Schlucht, bevor der Anstieg zum Col de la Cayolle auf 2.346 m erfolgte. Recht gleichmäßig mit einstelligen Steigungswerten ließ sich die Auffahrt durch die waldreiche Straße gut bewältigen. Die anschließenden Col de Valberg und Col de la Couillole machten uns deutlich, dass die Kräfte am Ende der Tour merklich sinken, auch wenn es heute „nur“ 88 km und 2100 hm waren.

Die 7. Etappe sollte das Grande Finale werden. Aufgrund einer der vielen Änderungen bei den Hotelbuchungen hatten wir über 4 Cols 128 km und 2700 hm zu bewältigen und somit zahlenmässig die schwerste Etappe vor uns. Dabei ging es auf den Col St. Martin (1.500m), den Col de Turini (1.607m) und den Col de Castillon (707m). Dort fing es an zu regnen, sodass die Abfahrt nach Menton ins Zwischenziel an der Cote d'Azur volle Konzentration erforderte.

Ab Menton fuhren Reiner und ich dann auf eigene Faust und mit dem Gepäck am Rad 117km weiter über Monaco, Nizza und Cannes nach Frejus. Bei herrlichem Sonnenschein genossen wir die Wärme, mussten uns aber auch immer wieder durch dichten Verkehr quälen. Eine weitere Änderung betraf die Unterwegsverpflegung, die wir jetzt von Baguette und Käse aus dem Auto umstellten auf französische und italienische Küche aus an der Strecke liegenden Restaurants. Allein das war schon mal ein klarer Fortschritt.


 

In Frejus hatten wir einen weiteren Ruhetag eingeplant. Zum Glück, wie sich herausstellte, denn aufgrund sintflutartiger Regenfälle und Überschwemmungen der Straßen hätten wir heute niemals fahren können. Am nächsten Morgen zeigte sich aber die Sonne schon wieder und es ging weiter nach Hyeres. Eine Kaffeepause in St. Tropez mit atemberaubendem Blick auf den Jachthafen machte das Weiterradeln schwer, zumal die Cote d'Azur nun immer welliger wurde. So standen abends in Hyeres nicht nur 110 km, sondern auch wieder 800 hm auf dem Tacho.

Die Fahrt nach Marseille  ging weiter bei bestem Wetter wellig an der Cote d'Azur entlang. Aber was uns ab La Ciotat erwartete, forderte uns mehr als mancher Alpenpass: unser Track zeigte gnadenlos auf die 360 m über dem Mittelmeer liegendende Route du Crete mit Anstiegen von bis zu 14%, und das mit Gepäck. Die anschließende Abfahrt nach Cassis mit bis zu 30% Gefälle forderte ebenfalls großes Geschick. Marseille machte sich schon 15 km vor unserem Ziel durch extrem dichten Verkehr bemerkbar und so kamen wir erst gegen 17:30 Uhr nach 137 km und 1750 hm im Hotel an. Den unvergesslichen Abend genossen wir bei einem guten Essen am alten Hafen mit Blick auf die Kathedrale.

  Über die Camargue fuhren wir weiter nach Arles. Nach 2 kleineren Anstiegen kurz hinter Marseille war der Rest der Strecke flach, aber auch öde. Die Camargue ist in diesem östlichen Teil beileibe kein Naturparadies, sondern eine einzige petrochemische Produktionsanlage. Wir waren permanentem LKW-Verkehr ausgesetzt. Da wir in der endlosen Öde keine Einkehr fanden, waren wir froh, nach 116 km in Arles angekommen zu sein. Dort blieb auch noch genügend Zeit für die Besichtigung der antiken Theater.

 

In der Nacht setzte heftiger Regen ein, der erst am Laufe des nächsten Morgens aufhörte. Umso intensiver kam aber dann gegen 11 Uhr die Sonne raus und bescherte uns eine wunderschöne Fahrt über das Alpillengebirge und mir ein leckeres Geburtstagsessen in St. Remy de Provence. Nach heute nur 77 km war unser Ziel in Carpentras am Fuße des Mt. Ventoux erreicht, den wir am folgenden Tag ohne Gepäck auf der klassischen Tour-de-France-Route bezwangen. Der Einkehr im Chalet Reynard folgten mehr als 75 km Abfahrt zurück nach Carpentras, wobei wir durch die faszinierende Landschaft der Gorges de la Nesque fuhren. Diese Tour gehört seit 2011 zurecht zu meinen Top-Favoriten.

 

Einen weiteren Ruhetag in Carpentras nutzten wir zu einer lockeren Tour durch die Provence, u.a. nach Isle sur la Sorgue, einem malerischen Ort, und Avignon. Am Abend waren wir uns aber nicht sicher, ob es sich bei 76 km tatsächlich noch um einen Ruhetag gehandelt hat.

Nur noch 4 Etappen standen uns jetzt bevor. Das nächste Ziel war Montelimar und nur gegen einen hartnäckigen Wind zu erreichen, der mit 30 bis 60 km/h von Norden gemeldet war. So planten wir kurzfristig den Track um und fuhren eine Teilstrecke durch die Gorges de l'Ardeche; eine gute Entscheidung, denn auch hier lernten wir wieder eine wunderschöne und wilde Landschaft kennen. Allerdings merkten wir schnell, dass wir Gegenwind eingetauscht hatten gegen Höhenmeter. Nach 111 km bei 1200 hm kamen wir in Montelimar an.

Die Etappe von Montelimar nach Vienne war mit 145 km unsere längste. Unspektakulär führte sie uns durchs Rhonetal und hatte lediglich wenige km vor unserem Hotel eine Überraschung parat, als wir bei fast 20% Steigung absteigen und schieben mussten. Unvergesslich auch unser improvisiertes Dinner im eigentlich geschlossenen Hotelrestaurant, das Reiner in seiner unnachahmlichen Art organisierte.

Bei angenehmem Rückenwind fuhren wir weiter nach Aix les Bains am Lac du Bourget, eine weitgehend flache Strecke, bei der wir nur zum Schluß mit dem Col du Chat ein ernsthaftes Hindernis zu überwinden hatten. Auf dieser Fahrt erlebten wir unser kulinarisches Highlight: aus lauter Hunger nahmen wir all unseren Mut zusammen und vertrauten uns einem alten, heruntergekommenen Restaurant an. Doch was die Dame des Hauses uns dann in 5 Gängen auf den Tisch servierte, ließ uns nur noch staunen.

Der letzte Tag brachte Unangenehmes: es war für den ganzen Tag immer wieder Regen gemeldet, der schon morgens nicht aufhören wollte. Wir überlegten zunächst, die Strecke nach Thonon les Bains mit dem Zug zu fahren, doch recht schnell kamen wir zu der Überzeugung, den Regen und die Kälte mit deutlich unter 10°C als neue Herausforderung zu betrachten. So erfuhren unsere Schutzbleche am letzten Tag der Tour endlich ihre Daseinsberechtigung. Nicht so meine Goretex-Kleidung, denn tatsächlich gelang es uns immer wieder, rechtzeitig vor einsetzenden Regenschauern ein Café oder eine Bushaltestelle zu finden, sodass wir letztlich von oben trocken am Genfer See ankamen. Ungeahnte Emotionen überkamen uns: wir hatten in 19 Tagen 1970 km und 28.300 Höhenmeter überwunden, jeden Tag unvergessliche Eindrücke und Erlebnisse gesammelt, so viele nette Menschen kennengelernt und nicht zuletzt uns über alle Herausforderungen hinweg nicht ein einziges Mal in Meinungsverschiedenheiten verstrickt. Das war KLASSE und macht Lust auf meine nächste Radfernfahrt, die ich bereits für Juni und Juli 2016 quer durch die USA gebucht habe.

Solch eine Radfernfahrt zu organisieren und zu fahren erfordert sicher etwas Geschick und Erfahrung, ist letztlich aber einfacher, als man vielleicht denkt. Am wichtigsten sind die Zuversicht und der Wille, es tatsächlich zu tun. Wer nähere Informationen möchte, darf sich gern an mich wenden.

 

Fotos: Matthias Eiden