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Einmal Atlantic und zurück

oder

1230 km in 85 Stunden

 

 

Am Start von links: Christian Möhl, Henning Hagenah und Jan Dedecke

Sonntag 16.8. 25015, 18:30. Ein Schuss und endlich dürfen wir los. Wir haben gesagt, dass wir versuchen wollen solange wie möglich zusammen zu fahren, aber in der Euphorie die durch die riesige Menge an Zuschauern am Wegesrand ins Extreme gesteigert ist, rasen wir los und Jan ist schon nach 200 Metern nicht mehr ausfindig zu machen.  Also sehe ich zu dass ich Henning nicht auch noch verliere. Nach einer Stunde haben wir fast 30 km auf dem Tacho und das Fahrerfeld beruhigt sich langsam. Das ist auch gut so, dieses Tempo kann auf man auf Dauer auch nicht durchhalten und wir fahren auch kein Rennen sondern machen eine „Radwanderung“. Jan taucht leider auch nicht mehr auf.

Zu zweit fahren wir in einem angenehmeren Tempo in wechselnden Gruppen immer Richtung Westen. Nach ein paar kurzen Pausen um die Flaschen wieder voll zumachen kommen wir nach guten 10h nach 221km an die erste Kontrolle. Um 4:30h ist das habe Dorf auf den Beinen und jubelt jedem Radler zu, der Bäcker verkauft Café und Croissants, eigentlich sollte man hier länger bleiben. Dazu haben wir aber keine Zeit. Also Kontrollstempel holen, Wasser auffüllen, noch einmal einen Müsliriegen essen und weiter mit dem Rad in den kommenden Morgen. In der ersten Morgensonne gönnen wir uns noch eine kleine Cafépause aber nicht zu lang, der Weg ist noch weit.

 

 

An der dritten Kontrolle treffen wir auch kurz Jan wieder. Wir hatten uns schon ein Schinkenbaguette, eine Cola verzehrt und Jan verlangte nach einer Pause. Also entschieden wir, dass wir weiter getrennt fahren. „Auf solchen Strecken muss man sein eigenes Tempo fahren sonst macht man sich kaputt“ lautet eine Weisheit der Langstreckenradler. Kurze Zeit später treffen wir Max Holz auf der Strecke. Er ist 2,5 Stunden vor uns gestartet. Er berichtet dass er sich etwas schwer tut dieses Mal, aber der Espresso der am Wegesrand, der von der begeisterten Bevölkerung angeboten wird,  ist ein Traum.

Dienstags morgens um halb zwei erreichen wir nach 525 km Carhaix. Wir gönnen uns einen Teller Pasta und treffen noch mal Max. Er geht erst einmal duschen, er will in seinem Begleitfahrzeug schlafen. Als wir wieder aufs Rad steigen muss ich Henning erstmal davon überzeugen das er sein Fahrrad nehmen soll und nicht das was gerade in der Nähe steht. Die Müdigkeit schlägt langsam zu. Also gibt es zwei Stunden Schlaf, aber frühstücken wollen wir in Brest.

Es ist noch dunkel als wir weiterfahren und auch deutlich kälter als vorher angesagt wurde. Unterwegs sehen wir immer mehr Radfahrer  die es sich in Hauseingängen, Bushaltestellen, Straßengräben oder auch direkt auf dem Bürgersteig „gemütlich“ gemacht haben, da sie von der Müdigkeit übermannt worden sind. Da wir doch recht gut in der Zeit liegen, suchen wir uns auch noch zweimal eine schöne warme und trockene Hauswand und machen für 15 Minuten die Augen zu, aber immer den Wecker im Handy stellen, sonst sind ganz schnell mal 4-5 Stunden verschlafen.

Mit dem Sonnenaufgang und der zurückkehrenden Wärme werden neue Energien entfesselt und gegen 9.00 Uhr stehen wir neben der „Pont de l'Iroise“ und vor uns liegt endlich Brest. Schnell zur Kontrolle, aber für eine Küstenstadt hat Brest ganz schön viele Hügel. Um halb Zehn ist es geschafft. 618 km in 39 h, ab jetzt heißt es wieder Richtung Paris.
 

Beim Frühstück treffen wir viel bekannte Gesichter und schmieden neue Allianzen. Für den Rückweg schließt sich Hendrik aus Dortmund an. Es ist erstaunlich, wie viel Energie der Gedanke frei setzt „jetzt geht wieder zurück“´.

Um 15 Uhr sind wir wieder in Carhaix und laden mir einer großen Portion Fastfood unser Kohlehydratspeicher wieder voll. Nicht gerade Sportlernahrung, aber zwischen den Energieriegeln und Gel ein wahrer Traum.

Unser Dreiergespann harmoniert prächtig, auf der Straße sammeln wir viel Radler auf, die gerne unseren Windschatten nutzen und die auch mehr oder weniger sich an der Arbeit vorne in Wind beteiligen. Die Nacht wird wieder recht frisch und wir entscheiden uns an einer Verpflegungsstelle noch mal zwei Stunden zu schlafen. Leider ist das Bettenlager schon komplett belegt, so legen wir uns in Rettungsdecken gehüllt im Speisesaal auf oder unter die Tische oder einfach mitten in den Gang wie die anderen alle auch.

Alles andere als ausgeschlafen, geht es wieder auf die Strecke. Es verbreitet sich das Gerücht im Fahrerfeld, das der Schnellste nach 42 1/2h in neuer Rekordzeit wieder in Paris war. Wir sind jetzt fast 60h unterwegs und müssen noch über 300 km fahren. Egal wir haben für 90h bezahlt und die nutzen wir auch. Aufgrund von Magenproblemen verabschiedet sich Hendrik wieder aus unserer Gruppe und er versucht sein Glück alleine. So ziehen Henning und ich wieder allein in den immer wärmer werdenden Tag. Die Hitze wird für mich langsam zu einem Problem, da wir weite Passagen ohne Schatten fahren müssen und mein Körper die Wärme nicht loswird. So werden die Pausen an den Kontrollen etwas länger und die Menge des getrunkenen Wassers und der Cola immer größer. Das zwingt auch zu immer mehr Pausen im Gebüsch am Wegesrand. Als es wieder etwas kühler wird, erreichen wir Mortagne.

 

Die Stimmung hier ist unbeschreiblich, über Lautsprecher werden die Fahrer begrüßt, auf den Gehwegen jubeln die Zuschauer und die Kinder recken einem die Hand entgegen um abzuklatschen. Man fühlt sich wie ein Star der Tour de France. Aber da es gerade wieder gut läuft, heißt es Stempel holen, Flaschen füllen und weiterfahren.

Wir finden eine gute Gruppe und fliegen quasi zur nächsten Kontrolle. Hier gibt es noch mal eine riesige Portion Pasta. Nur noch 140 km, das gibt Kraft. In der Dunkelheit passiert es dann doch, im großen Rudel, eine Abfahrt runter rollend, verliere ich Henning aus den Augen und finde ihn nicht wieder. Das ist sehr ärgerlich, man findet nicht oft jemanden mit dem man über 1000 km so reibungslos zusammen radeln kann. Dank der modernem Kommunikationsmitteln tauschen verabreden wir uns an der nächsten Kontrolle, die Henning fast eine halbe Stunde vor mir erreicht. Ich treffe ihn dort,  satt, mit dem Kopf auf dem Tisch liegend und schlafend.

 

 

 Henning schläft mit dem Kopf auf dem Tisch

 

Wir einigen uns auf eine gute Stunde Pause. Also schnell ein paar Nudeln und lege dann auch meinen Kopf auf den Tisch. Diese Nacht ist deutlich wärmer als die letzten Nächte. Noch 65 km, die fahren wir jetzt durch.

Als mir dann wiederholt plötzlich Verkehrsinseln vor das Vorderrad springen, kann ich Henning noch zu einer 15 Minuten Pause über reden. Die hat mir nicht wirklich geholfen, aber Henning schafft es mich durch aufmunterndes Zureden bis aufweckendes Anschreien wach zu halten. Ohne ihn hätte ich bestimmt noch einmal zwei Stunden geschlafen. Plötzlich wurde es wieder hell und die ersten Vororte von Paris wurden durchfahren.

Jetzt gab es auch wieder Ordner, die einem die Kreuzungen frei hielten, die Geschwindigkeit wurde wieder höher. Am Horizont tauchte das Ziel auf, das Velodrom von Paris. Ich gebe zu ich musste mit meinen Tränen kämpfen. Nach 84:55:46 fahre ich über die Zeitnahmematte, es macht kurz piep und Henning folgt eine Sekunde später. Es ist geschafft. Leider war um die Urzeit im Zielbereich nicht allzu viel los , aber größeren Trubel hätte ich auch nicht verkraftet. Von den folgenden 24h habe ich mindestens 19h geschlafen, den Rest der Zeit habe ich gegessen. Jan und Hendrik sind auch beide rechtzeitig ins Ziel gekommen. Max ist in Carhaix ausgestiegen, sich einzugestehen, dass es keinen Sinn hat weiterzufahren, verlangt auch größten Respekt

 

Bericht: Christian Möhl