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600er Brevet Weserbergland am 21.06.2014

 

Um drei Uhr klingelte der Wecker. Anziehen, Waschen, Frühstücken im Halbschlaf. Das Rad hatte ich vorbereitet. Ich musste nur einsteigen und die vierzig Kilometer zum Start abspulen. Dort traf ich die üblichen Verdächtigen, denn mit steigender Kilometerzahl fällt die Anzahl der Teilnehmer und man kennt sich. In der Ansprache kurz vor sechs erfuhren wir, dass dies das letzte Brevet in Großenwieden sein soll, da der Organisator von seiner Arbeit stark gefordert wird. Sehr Schade, denn die Weserberglandbrevets gehörten zu den Schönsten und die Nähe zu meinem Wohnort machte die Teilnahme immer unkompliziert.

Bis zur ersten Kontrolle war es flach und ich konnte den Milan rollen lassen. An der Steigung nach Bentorf zogen die Rennradler erwartungsgemäß an mir vorbei, nicht ohne die üblichen Nettigkeiten auszutauschen. Weiter ging‘s über bekannte, hügelige Straßen, in Oerlinghausen über den Teuto und dann kam erst mal Velomobil-Land bis Soest, wo ich auf der BAB-Raststätte die erste Gruppe gerade noch wieder abfahren sah. Am Anstieg zum Möhnesee kam mir Hajo als erster der Kölner Starter entgegen. Dort wurde zeitgleich gestartet und die Teilnehmer begegnen sich auf Hin- und Rückfahrt. Ab Neheim ging dann der anstrengende Teil los. Die Neigungsanzeige des Edge war oft im zweistelligen Bereich, dafür fanden die Nachkommastellen der Geschwindigkeit mehr Beachtung. Vor der Kontrolle Meinerzhagen achtete ich nicht auf den Track, folgte ich den Wegweisern und wurde mit einer Fahrt über die Nordhelle „belohnt“, die eigentlich erst für den Rückweg vorgesehen war. Aber auf die paar Extrahöhenmeter kam es diesmal auch nicht an.

Um zwanzig Uhr traf ich in Siegburg wieder ein paar Rennradler. Hajo teilte mir über das Forum mit, dass er wegen technischer Probleme ausgerechnet am weitest entfernten Punkt der Tour liegengeblieben sei und sich hat nach Hause bringen lassen. Um die verbleibende Helligkeit zu nutzen, machte ich mich nach einem Käsebrötchen und warmem Kakao auf den Weg. Mein Magen machte sich wieder bemerkbar, obwohl ich diesmal auf Süßkram völlig verzichtet hatte. Eine Mit-Ursache könnte vielleicht auch Salzmangel gewesen sein, denn ich hatte zwar reichlich getrunken, musste aber ungewöhnlich oft anhalten, um Ballast abzulassen. Die Flüssigkeit lief sozusagen nur durch, ohne aufgenommen zu werden. Salzige Kekse brachten das später langsam wieder ins Lot. In Drolshagen um halb eins hatte ich Probleme mich zu konzentrieren, packte den Schlafsack aus und legte mich für zwei Stunden schlafen. Sonst kam diese Phase immer erst mit der Dämmerung. Wohl auch eine Folge der einsetzenden Dehydrierung.

Nach weiteren zwei Stunden Nachtfahrt ging es wieder auf die 630 Meter hohe Nordhelle und es begann die Dämmerung. Vor meinem geistigen Auge erschien immer wieder die Steigung hinter Plettenberg, von der ich annahm, dass es eine echte Quälerei werden würde. Mit Geduld und kleinstem Gang brachte ich auch die hinter mich mit der Erkenntnis, dass man sich mehr mit der Vorstellung abquält als mit der Realität.

Die Bremse hatte in den Bergen kräftig arbeiten müssen und der Leerweg an den Hebeln war deutlich länger geworden, aber immer noch im grünen Bereich. Die Entscheidung für die 90er Trommeln war goldrichtig. Ab Neheim wurde es wieder flacher und an der Soester Börde hielten sich noch einige andere Randonneure auf, die auf Grund der durchfahrenen Nacht sehr wortkarg waren. Die Müdigkeit lies mich auch nicht los und ich machte noch mehrere Pausen, die sich im Velomobil gut zu einem Kurz-Nickerchen nutzen ließen. Im Weserbergland reihte sich wieder Hügel an Hügel und obwohl nur noch 60 km zu fahren waren, verließ mich, trotz der wunderschönen Landschaft, langsam der Mut. Ich wollte einfach nur noch ins Ziel rollen. Netterweise lag die letzte Kontrolle oben bei Goldbeck, einem beliebten Ziel der Kletterer unter den Rennradlern, und als Sahnehäubchen führte der Track über Rott auf einem immer steiler werdenden Weg hinauf. Kurz vor Erreichen des höchsten Punktes wäre es bestimmt sinnvoller gewesen zu schieben, aber mir fehlten der Wille und die Kraft auszusteigen.

Die mühsam erkämpfte Höhe konnte man nicht mal in Kilometer umsetzen, weil es einfach zu steil wieder runter ging und die Bremsen noch einmal gefordert wurden. Wenigstens war ich früh genug an der Weser, um die Fähre nutzen zu können. Alle die später als 19:00 Uhr kamen mussten den Umweg über Hessisch-Oldendorf in Kauf nehmen, weil der Fährmann auch mal Feierabend haben wollte. Am Ziel gab es einen aufbauenden Kaffee und noch ein kurzes Gespräch um das Thema Autofahren nach einem Brevet. Da die Anderen weit zu fahren hatten, entschieden sie sich dazu, noch eine Nacht im Zelt oder Hotelzimmer zuzubringen. Nur mein Bett stand noch anderthalb Stunden entfernt. Mit dem Rad ist jedoch die Gefahr im Verkehr einzuschlafen gering, da man körperlich aktiv ist.

Wenn mich am Sonntagabend in Großenwieden jemand gefragt hätte, ob ich 2015 nach Frankreich will um an Paris-Brest-Paris teilzunehmen, ich hätte mit „Niemals“ geantwortet. Aber schon auf dem Weg nach Hause, als der Pass rüber nach Kleinenbremen wie immer auf dem 61er Blatt zu fahren war, ging mir durch den Sinn, dass das Gelingen größerer Strecken nicht von der Leistungsfähigkeit der Beine abhängt. Brevets werden mit dem Kopf gefahren.

Bericht und Foto: Uwe Würdemann